|
Eine Fülle bunter Vierecke macht dieses Bild aus. Keines ist genau identisch mit einem anderen. Jedes hat seine eigne Farbe,
seine eigene Größe und seinen eigenen Platz. Aber alle gemeinsam ergeben sie dieses Bild. Würde man eins dieser Vierecke herausnehmen,
es würde etwas fehlen.
Für mich ist dieses Bild ein Kirchenbild: Das Bild einer Kirche, in der es auf jede und jeden ankommt; in der jede und jeder einen eigenen Platz, eine eigene Bestimmung
und eine eigene "Farbe" hat. Diese eigenen "Farben" nennt unsere Kirche: Charismen. Damit sind jene von Gottes Geistkraft bewirkten und geschenkten Gaben gemeint, die wir alle in Taufe und Firmung empfangen
haben und die uns in dieser Kirche so wichtig und kostbar machen.
Paulus spricht davon in seinem 1. Korintherbrief (1 Kor 12) und er zählt sie auf: Die einen sind Apostel, Propheten und Lehrer;
und andere haben die Gabe, Wunder zu tun, Kranke zu heilen, zu helfen, zu leiten und in verschiedenen Sprachen zu reden (1
Kor, 12 28ff). Jede und jeder hat eine dieser Gaben empfangen. Und alle sind gleich wichtig; denn alle dienen einem Ziel: dem Aufbau des Leibes Christi, der Kirche, und dem Lobe Gottes - in der Kirche im Großen, in einer Pfarrgemeinde --- und
auch in einem Verband wie der Caritas.
Hier ist von Vielfalt die Rede. Eine Vielfalt, die die Kirche und unsere Gemeinschaften bunt, lebendig und wertvoll macht und die ihr Reichtum ist. Und es ist Gott selbst, der diese Gaben schenkt.
Unser Bild zeigt aber auch schwarze Flecke, die wie Tränen über die bunten Farben fließen. Es sind Wunden und Verwundungen. Solche Wunden entstehen, wenn die Menschen
mit ihren Charismen in Konkurrenz geraten: Wenn die einen meinen, sie seien wichtiger als andere, mehr wert und müssten deshalb besonders geachtet und geehrt werden -
wenn es zu Machtkämpfen kommt ---
Oder wenn die Vielfalt Angst macht und bestimmte Charismen unterdrückt werden, wenn eine Gruppierung innerhalb einer Gemeinschaft eine andere unterdrückt und
wenn die "Einheit" (was immer das dann ist) wichtiger zu sein scheint als die Vielfalt.
Wir kennen dieses Einheits-Denken: Eine Rasse, eine Nation, eine Religion. Überall wo solches Denken stark wird und Macht ergreift, ereignen sich schnell Katastrophen: Rassismus und Nationalismus
im Bereich der Politik - und Fundamentalismus im Bereich der Religion. Und dann wird es gefährlich. Die Antwort dagegen heißt: Vielfalt wahrnehmen und fördern, denn sie schenkt Raum und Reichtum.
Ich denke, hier sind wir als Kirche gefragt mit unserer Vielfalt und Buntheit:
Da sind Männer und Frauen, Priester und Laien, Ordensleute und Eheleute, Große und Kleine, jene in der Kerngemeinde und die am Rande (bzw. die an den Rand gedrängt werden). Da sind die, die in der Verkündigung, im Gottesdienst ihren Platz haben - und jene, die in der Caritas ihren Platz haben.
Verschiedene Menschen, deren Wege, Erfahrungen, Glaubens- und Lebensvollzüge unterschiedlich und vielfältig sind, --- und
deshalb so wertvoll sind --- vor allem, wenn wir andere daran teilhaben lassen und sie davon profitieren können.
Aber das ist nicht immer leicht. Ein Sprichwort sagt: "Der Vergleich ist der Tod der Liebe." Dahinter steht die Erfahrung,
dass Menschen sich gerne mit anderen vergleichen. Und wenn sie Angst haben müssen, in diesem Vergleich nicht gut abzuschneiden, dann machen sie das, was "anders" ist gerne
schlecht. Genau das bringt Leid - in unserer Kirche, in unseren Gemeinden, in den Gruppen und Verbänden.
Und in einer Kirchenstruktur, die sehr stark auf Gottesdienst ausgerichtet ist, haben die, die im caritativen und diakonischen
Bereich ihr Charisma haben, manchmal keine so guten Karten: Da werden die GottesdiensbesucherInnen gezählt - nicht die caritativ Tätigen; Eine Pfarrei ist dann "gut", wenn viele Leute sonntags in die Kirche gehen --- Jugendarbeit ist dann gut, wenn die Jugendlichen
auch sonntags im Gottesdienst erscheinen --- Und was sich nicht sonntags um 10 Uhr abspielt ist eher zweitrangig - Ich übertreibe bewusst, um es deutlich zu machen. Aber Kirche ist Eucharistie und Fußwaschung. Bewusste Caritaszugehörigkeit ist bewusste Kirchenzugehörigkeit. Caritas ist Lebensnerv der Kirche. Eine Gemeinde, die das Charisma der Caritas nicht wahrnimmt, nicht wertschätzt und nicht fördert - vernachlässigt den Willen
unseres Herrn Jesus Christus, vernachlässigt das Gebot der Nächstenliebe, das genauso wichtig ist wie das der Gottesliebe.
Aber: Ich vermute einmal - und ich hoffe das mit ganzem Herzen: Gott vergleicht uns nicht miteinander. Gott schaut uns nicht mit
den Augen eines Schiedsrichters an, sondern mit den Augen eines Liebenden, mit den Augen eines Vaters und einer Mutter. Und dann sieht er, was alle Eltern sehe: dass ihre Kinder alle unterschiedlich sind, keins ist wie das andere, aber jedes
ist ein Kind - und deshalb liebenswert; und dann entdeckt "unsere Farbe": das, was uns liebenswert und schön --- in seinen Augen so wertvoll --- und für unsere Kirche
und unsere Pfarrgemeinden mit ihren vielfältigen Aufgaben so wichtig macht.
Und für jede und jeden von uns gilt das Wort: "Wie der Bräutigam sich freut über die Braut, so freut sich über dich dein Gott" (Jes 62,5).
Sehen Sie das Bild - schauen Sie es hin und wieder an - und erinnern Sie sich: Sie sind wichtig! Sehr wichtig - so wie Sie sind, mit Ihrem Charisma und Ihrer Farbe. Aber: Die anderen sind auch wichtig - mit ihren Charismen und ihren Farben.
Und das Ziel ist nicht: alles nur Blau oder nur Rot oder nur Schwarz --- sondern Bunt, so dass alle drin vorkommen und alle einen Platz haben.
Richard Baus
|
|