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"Soziale Manieren für eine bessere Gesellschaft"
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Irritierend dieser Slogan, oder? Worauf zielt diese Caritas-Kampagne ab? So mancher mag den Kopf schütteln und sich fragen,
ob die Caritas jetzt einen "Sozial-Knigge" herausgeben will. Oder sollen gar die sozialen Probleme wie Armut und Ausgrenzung
verharmlost werden, indem man sie auf Fragen des zwischenmenschlichen Umgangs reduziert? Worum geht es also? Wer steht heute
am Rande, wen sollten wir in die Mitte holen - und wie kann das gehen? Die Caritas-Kampagne ist Frage und Anregung zugleich:
"Soziale Manieren für eine bessere Gesellschaft". Wer in unserer Leistungs-, Erfolgs- und Lifestyle-Gesellschaft nicht mithalten
kann; wer nach "unten" abrutscht oder nach "draußen" abgedrängt wird; wer sich "überflüssig" vorkommt und übersehen wird -
der hat nicht nur massive wirtschaftliche und materielle Probleme. Für Menschen am Rande sind nicht nur Geld, Wohlstand und
Erfolg ein "knappes Gut"; es mangelt ihnen auch an Achtung, Respekt und Wertschätzung durch die anderen. Wer aber sind diese
"anderen", wem mangelt es an den sogenannten "Sozialen Manieren"?
Die Sprache der Politik zum Beispiel ist allzu oft eine Sprache, die es am nötigen Anstand fehlen lässt - gerade in Wahlkampfzeiten.
Es ist unanständig, die gravierenden sozialen Probleme vieler Menschen entweder zu leugnen oder sie den Betroffenen allein
anzulasten. Es ist auch unanständig, ganze Bevölkerungsgruppen über einen Kamm zu scheren und aus Einzelfällen Pauschal-Urteile
abzuleiten - etwa über "die" Arbeitslosen oder über "die" Hartz-IV-Empfänger. Die bisweilen unbedachte und unachtsame Sprache
der Politik ist nicht nur schmerzhaft für die Betroffenen; sie verhindert auch, dass diese Menschen und ihre Nöte wirklich
und angemessen "zur Sprache kommen" - und darum ist das Kampagnen-Motto "Soziale Manieren" durchaus politisch! Oder die Sprache mancher Wissenschaftler ist - wenn es um Menschen am Rande geht - allzu oft in der Sache und vor allem im
"Tonfall" unangemessen. Wenn beispielsweise gut besoldete Professoren öffentlich vorrechnen, man könne vom Drittel des Hartz-IV-Satzes
problemlos leben, dann zeigt das die große Entfernung großer Teile der sogenannten "Elite" zur Lebensrealität vieler Menschen.
Auch das gehört zu "Sozialen Manieren": sich wirklich in die Situation von Menschen hineinzuversetzen, über die man öffentlich
spricht und urteilt.
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Leider sind auch die Sprache und der Umgang in unserer Kirche, unseren Pfarrgemeinden nicht immer vorbildlich. Auch wir müssen
unsere "Sozialen Manieren" immer wieder überprüfen! Gerade wenn wir uns für arme, alte, behinderte, kranke und benachteiligte
Menschen einsetzen, wenn wir ihnen helfen wollen, können wir sie durch "wohlmeinende Herablassung" regelrecht "kleinmachen"
und erst recht ausgrenzen. Kirche aber soll nicht nur eine Kirche für die Armen sein, sie soll auch Kirche der Armen sein,
also Menschen ermutigen, stärken, einladen und "hereinholen". Denn so könnte eine Kurzformel unseres Glaubens lauten: "Wir
glauben an einen Gott, der den Menschen in die Mitte holt, der den Menschen in den Mittelpunkt stellt, und zwar gerade den
Menschen, der davon bedroht ist, an den Rand gedrängt zu werden. Und wir glauben an einen Gott, der will, dass auch die Menschen
nicht sich selbst, sondern den Mit-Menschen in den Mittelpunkt stellen."
Natürlich, mit Manieren und Umgangsformen allein ließen sich keine soziale Probleme lösen - das wäre naiv und unpolitisch.
Höflichkeit und Freundlichkeit machen keinen Menschen satt und machen keine Wohnung warm. Und dennoch, wie in Jesus Sirach
steht: "Neige dem Armen Dein Ohr zu und erwidere ihm den freundlichen Gruß!" Ohne "Soziale Manieren" werden Menschen am Rande
entweder missachtet (also in ihren Anliegen gar nicht erst wahrgenommen) oder tendenziell verachtet (also voreilig verurteilt
und abgewertet). "Soziale Manieren" sind ein erster und notwendiger Schritt, um Menschen in die Mitte zu holen. Der Schriftsteller
Alfred Muschg hat es so formuliert: "Wie hält es die Mitte mit ihren Rändern?", und begründet seine Frage sogleich selbst
mit den Worten: "Es ist weise und klug so zu fragen. Denn die Ränder bestimmen insgesamt die Form einer Gesellschaft, ihre
Lebensform."
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Nun will ich Ihnen zunächst eine Geschichte von Bertolt Brecht (Die Käuferin) aufschreiben, vielleicht lesen Sie sich sie
ja selbst laut vor: "Sorgfältig wählte ich unter den Esswaren, griff nicht mehr heraus als früher, doch auch nicht weniger,
legte die Brötchen zum Brot und den Lauch zum Kohl und erst wenn zusammengerechnet wurde, seufzte ich, wühlte mit meinen steifen
Fingern in meinem Lederbeutelchen und gestand kopfschüttelnd, dass mein Geld nicht ausreiche das Wenige zu bezahlen, und ich
verließ kopfschüttelnd den Laden, von allen Kunden gesehen. Ich sagte mir: Wenn wir alle, die nichts haben, nicht mehr erscheinen,
wo das Essen ausliegt, könnte man meinen, wir brauchten nichts. Wenn wir kommen und nichts kaufen können, weiß man Bescheid."
Können wir uns vorstellen, welchen Mut diese Frau regelmäßig aufbringen muss? Können wir uns die Not dieser Frau vorstellen?
Können wir nicht nur einfach den Stolz dieser Frau bewundern? Wie reagieren wir, wenn wir hinter ihr an der Kasse stehen?
Denken wir nicht sogar: "Na, da geh doch zur Tafel, da kriegst Du doch alles!" Kaufen wir uns nicht mit solchen Gedanken,
gar mit solchen Hilfeangeboten frei? Es ist doch viel angenehmer, in der Schlange mit solventen Käufern zu stehen, als mit
der Not unserer Nachbarn konfrontiert zu werden. Haben wir soziale Manieren? Was tun wir, um Arme in unsere Gesellschaft zu
integrieren? Klar, uns persönlich sind die Hände gebunden, wenn es um die Höhe der Renten, der ALGII-Zahlungen oder der Löhne
geht. Auch da können wir allerdings gemeinsam (ggf. mit den Füßen) abstimmen, aber dies ist ein schwieriger Vorgang, und uns
werden ja auch ständig in immensen Summen die Kosten und die Schulden vorgerechnet. Was aber keinen Cent kostet, ist es, die
Nähe der Ausgegrenzten auszuhalten, nicht beschämt uns die Frau von der Kasse wegzudenken, sondern Sie zu grüßen, Sie anzulächeln,
Sie als ganz normales Glied der Schlange an der Kasse zu behandeln, und z.B. small talk zu halten. So nehmen wir die Menschen
wahr, so nehmen wir sie ernst, so signalisieren wir Wohlwollen und Freundlichkeit, behandeln sie manierlich - so wie wir uns es für uns selbst wünschen würden.
Ach ja, und dann habe ich noch einen Lesetipp für Sie: Ein Buch von Franz Meurer, Jürgen Becker und Martin Stankowski, diese
drei haben in ihrer Werkzeugkiste für Weltverbesserer "Von wegen nix zu machen" herrliche - manchmal erheiternde - Ideen niedergeschrieben
wie eine soziale Gesellschaft funktionieren könnte. Ideen, die wir alle umsetzen könnten.
Birgitta Bauer Caritas-Geschäftsführerin
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Alle Infos rund um die Jahreskampagne 2009 finden Sie unter
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http://www.soziale-manieren.de/
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