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Liebe Leserinnen und Leser,
einige von Ihnen erinnern sich vielleicht. Die Jahreskampagne des Deutschen Caritasverbandes lautet in diesem Jahr: Soziale
Manieren für eine bessere Gesellschaft. Zum Caritassonntag an diesem Wochenende und zur Vorbereitung auf diesen Fixpunkt
habe ich ein wenig auf der Internetseite www.soziale-manieren.de gestöbert und bin dort beim Caritasblog gelandet. In diesem hat Claudia H. am 3.9. geschrieben:
Am liebsten wäre ich im Bett liegen geblieben und hätte mir meine Decke über den Kopf gezogen. Heute ist nicht mein Tag.
Beim Lesen meiner Gehaltsabrechnung dachte ich mir nur Prima. 637,91 Euro und davon gehen schon 400 Euro Abzüge weg. Und
das Beste: Am Wochenende ist mein Kühlschrank kaputt gegangen und ich habe ja nur eine kleine Einraumwohnung mit einer Singleküche.
Schnell den Vermieter angerufen, doch dem ist es egal. Also musste ich losziehen und mir einen billigen Kühlschrank kaufen.
Mich nervt echt alles grad. Meine Mum zickt auch rum und nervt mich mit ihren Problemen, meine Eltern streiten sich jeden Tag und sind eigentlich nur noch aus Gewohnheit zusammen. Meine Mutter hat mittlerweile
zwei Kerle und meinem Vater ist das egal. Was soll man noch dazu sagen, echt. Dann vermisse ich meine Freunde in Thüringen. Würde so gerne mal wieder nach Hause fahren, aber mir fehlt das Geld dazu. Zum Glück habe ich meinen Freund noch, der mir sehr viel Halt und Geborgenheit gibt. Aber leider ist er auf Montage und sehr
viel unterwegs. Wir sehen uns selten, viel zu selten. Bin am Überlegen ob ich ein Weekend mal einfach raus gehe und mal ein
bisschen Party mache und einfach mal nicht auf das Geld zu achten, aber ich weiß es noch nicht, ob ich es wirklich mache,
weil mir ja dann hinterher wieder das Geld fehlt. Und unterstützen tut mich leider keiner, leider. Auch auf Arbeit ist zurzeit ein Wurm drin. Es wird immer schwerer, die älteren Herrschaften, die ich zu betreuen habe, zu
ermutigen, dass sie mit mir ein bisschen Beschäftigung machen. Aber ich lass den Kopf nicht hängen und suche mir einen besseren Job und dann wird auch alles besser, hoffe ich zumindest. Alles wird gut früher oder später
Ich bin beeindruckt von dem Einblick, den diese junge Frau uns in ihre Seelenwelt gewährt. Wie sehr ringt sie zwischen Gefühl und Vernunft, zwischen Hoffnung und Sorge, zwischen Aufgeben und Anpacken. Wie
viel Mut beweist sie in ihrem Alltag, aber auch indem Sie sich uns öffnet. Wenn ich in der nächsten Woche mit meinen eigenen Sorgen umgehen muss, kann sie mir Hoffnung machen. Wenn ich nächste Woche von der Hängemattementalität Jugendlicher oder Hartz IV-Empfänger höre, kann ich von ihr erzählen. Wenn ich
nächste Woche Zahlen zur Armutssituation in Deutschland höre, weiß ich um so besser: Es geht nicht um Zahlen, sondern um Menschen.
Genau deshalb habe ich Ihnen diese Geschichte erzählt.
Birgitta Bauer Caritasgeschäftsführerin
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